Kopfhautkühlung: ein wirksames Verfahren gegen chemotherapiebedingten Haarausfall.
von Dr. med Dörthe Schaffrin-Nabe

Durch moderne onkologische Behandlungsverfahren konnten die Prognose und häufig auch das Überleben von Krebspatientinnen und -patienten deutlich verbessert werden – allerdings hat das seinen Preis: die Nebenwirkungen der Therapien. Insbesondere für Frauen stellt der Haarverlust während einer Chemotherapie eine der belastendsten Nebenwirkungen dar. Dabei kann das inzwischen oft vermieden werden.

„Es sind doch nur Haare, die wachsen wieder nach.“ Solche gut gemeinten Worte in Bezug auf chemotherapiebedingten Haarausfall ärgern Wiebke Z. (Name von der Red. geändert). „Es sind eben nicht nur Haare, denn der Haarausfall bedeutet: Jeder weiß Bescheid, jeder sieht dir deine Erkrankung an, du siehst dich selbst jeden Tag so im Spiegel und fühlst dich kränker als du es ohnehin schon bist“, betont sie. Wiebke Z. weiß worüber sie spricht, denn als vor einigen Jahren bei ihr die Diagnose Brustkrebs gestellt wurde, hat sie eine Chemotherapie mit der Folge des Haarverlustes durchlebt. Aufgrund eines Rezidivs bekommt sie jetzt wieder eine Chemo, aber ihre Haare hat sie diesmal behalten: braun, dicht und lockig.

Medizinern und Wissenschaftlern ist bewusst, dass insbesondere für Frauen, deren häufigster Tumor Brustkrebs ist, das Auftreten von Haarausfall eine Stigmatisierung bedeutet– die Erkrankung wird offensichtlich. Die Nebenwirkungen einer Chemotherapie vermindern die Lebensqualität ohnehin in großem Maße. Aber Haarausfall geht zusätzlich einher mit einer Beeinträchtigung des Körper- und Selbstwertgefühls und kann insgesamt eine so große seelische Belastung darstellen, dass eine Therapie abgelehnt wird. So wird seit 1970 daran gearbeitet, chemotherapiebedingten Haarverlust zu vermeiden. Doch zeigten die entwickelten Verfahren lange Zeit nicht den gewünschten Erfolg. Pharmakologische und physikalische Ansätze scheiterten gleichermaßen.

Haarwurzeln bleiben verschont

Vor circa zehn Jahren gelang es zwei Firmen erstmals, durch eine gleichmäßige, flächendeckende und kontrollierte Kopfhautkühlung Haarausfall zu verhindern. Die Wirkung der Kopfhautkühlung, auch als Scalpcooling bezeichnet, beruht auf zwei Mechanismen:
Die Kühlung führt zu einer örtlichen Verengung der Blutgefäße und verringert so die Menge an zugeführten Medikamenten, weil durch die niedrige Temperatur der Transport und die Aufnahme des Medikaments lokal vermindert werden.
Die Kopfhautkühlung kann die Verstoffwechselung des Medikaments und somit auch seine Aktivität an den Haarwurzeln reduzieren.

Führend in der Umsetzung des Verfahrens sind Skandinavien, die Niederlande, Großbritannien und Japan. In Deutschland erprobte 2010 als erste die Hämatologisch-Onkologische Gemeinschaftspraxis auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum die Kopfhautkühlung in Deutschland und bietet dies seitdem ihren Patienten an. 2012 führte das Mammazentrum Hamburg am Krankenhaus Jerusalem mit 83 Patientinnen eine Studie zur Verwendung der Kühlhaube DigniCap durch. Das Ergebnis: 63 Prozent dieser Brustkrebspatientinnen waren mit dem Therapieerfolg der Behandlungsmethode bezüglich des Haarerhaltes zufrieden. Es bedarf wohl noch einiger Überzeugungsarbeit, wie wichtig es insbesondere für Frauen ist, die Haare unter einer Chemotherapie erhalten zu können.

Unter der Kühlhaube während der Chemotherapie

Das Erfolgsgeheimnis des Verfahrens beruht auf der sensorgesteuerten Kühlung der Kopfhaut während der intravenösen Verabreichung der Chemotherapie. Zunächst wird das Haar der Patientinnen und Patienten gründlich befeuchtet, dann wird eine weiche, eng anliegende und formbare Silikonhaube aufgesetzt. Durch diese Haube zirkuliert später das Kühlmittel innerhalb feiner Kanäle, wobei die Kälte auf die Kopfhaut übertragen und elektronisch überwacht wird. Daher ist es wichtig, dass die Silikonhaube sorgfältig angepasst wird und korrekt sitzt – Luftblasen unter der Haube können dazu führen, dass die Kopfhaut an dieser Stelle nicht richtig gekühlt wird und dort die Haare ausfallen.
Über der Haube wird zur Fixierung eine Neoprenkappe getragen. Nun erfolgt das langsame, kontinuierliche Absenken der Temperatur auf der Kopfhaut auf vier bis sechs Grad Celsius. Diese Abkühlphase dauert circa 20 – 30 Minuten und wird von speziell geschultem Personal sorgfältig beaufsichtigt. Denn das Abkühlen kann für zwei bis drei Minuten ein kurzfristiges Druck- und Schmerzgefühl im Kopfbereich hervorrufen – oft geschieht dies bei einer Temperatur von 15 °C. Das Fachpersonal klärt über die Harmlosigkeit dieser vorübergehenden Missempfindung auf. Nach dem Unterschreiten dieser Temperatur wird die weitere Kühlphase von den Patienten sehr gut toleriert. Ist die gewünschte Temperatur erreicht, wird sie auf der Kopfhaut kontinuierlich über separate Sensoren überwacht. Durch eine integrierte, rechnergestützte Kontrolleinheit ist eine konstante und kontrollierte Kopfhauttemperatur während der gesamten Behandlungsphase gewährleistet.

Nach Beendigung der Zytostatikainfusion wird die Kühlphase für weitere 30 – 120 Minuten aufrecht erhalten – die Dauer richtet sich nach Dosierung, Halbwertszeit und Zusammensetzung der Chemotherapie.

Hoher Wirkungsgrad ohne Risiko

Geeignet ist der Einsatz von Kühlhauben bei bösartigen, soliden Tumoren wie zum Beispiel Brustkrebs, Darmkrebs oder Lungenkrebs. Bei bösartigen Erkrankungen des Blut-, Knochenmark- und lymphatischen Systems, den hämatologischen Krebserkrankungen, ist die Kopfhautkühlung nicht geeignet, da die häufig im Blut zirkulierenden Tumorzellen durch die reduzierte Wirkung der Chemotherapeutika im gekühlten Kopfhautbereich überleben könnten.
In unserer Hämatologisch-Onkologischen Praxis haben in den letzten vier Jahren 203 Patientinnen und Patienten mit verschiedenen soliden Tumoren das Angebot der Kopfhautkühlung im Zuge ihrer Chemotherapie genutzt. Zwei Drittel von ihnen konnten ihre Haare behalten.
Vor dem Einsatz des Scalpcoolings wird in der Praxis die Haardichte gemessen, die Kopfhaut untersucht und die Befindlichkeit der Patienten dokumentiert. Während der gesamten Therapie werden diese Parameter regelmäßig evaluiert. 134 Patientinnen und Patienten äußerten ein leichtes aber gut ertragbares Kältegefühl während der Behandlungsdauer. Lediglich eine Patientin hat aufgrund von Kälteunverträglichkeit die Kopfhautkühlung abgebrochen. Sonstige Nebenwirkungen wie beispielsweise das vorübergehende Druckgefühl im Kopf beim Herunterkühlen oder das Unwohlsein, eine enganliegende Kappe zu tragen, die zudem noch durch einen Schlauch mit dem Kühlaggregat verbunden ist, führten bei keiner Patientin zum Abbruch des Scalpcoolings.
Kritiker argumentieren, dass durch das Scalpcooling die Gefahr wachse, Kopfhautmetastasen zu entwickeln, denn wenn durch die Kopfhautkühlung die Zytostatika hier nur reduziert wirkten, könnten Tumorzellen in der Kopfhaut überleben. Diese Befürchtungen wurden durch internationale Studien widerlegt: So untersuchten beispielsweise Sande (2010), Lemieux (2009) und Kratten (2003) das Auftreten von Kopfhautmetastasen. Dabei wurde bei 0,5 bis 2,5 Prozent der Patientinnen mit Brustkrebs, die keine Kopfhautkühlung erhielten, Kopfhautmetastasen festgestellt. Unter den Patientinnen, bei denen die Kopfhautkühlung angewendet wurde, traten bei 1,1 Prozent Kopfhautmetastasen auf. 553 Patienten wurden auch nach Abschluss der Chemotherapie noch fast sechs Jahre nachbeobachtet: Nur bei zwei Patienten mit Kopfhautkühlung, also bei 0,3 Prozent, trat eine Metastasierung der Kopfhaut als erste Fernmetastasierung auf. Analog zu dieser internationalen Datenlage, wurde auch in unserer Praxis keine vermehrte Bildung von Kopfhautmetastasen während der fast vierjährigen Anwendungszeit beobachtet.

Erfolgsquote von 50 bis 80 Prozent

Die Wirksamkeit der Kopfhautkühlung weist mit den jetzigen technischen Entwicklungen international eine Erfolgsquote von 50 – 80 Prozent auf. Dabei ist Erfolg definiert durch einen so geringen Haarverlust, dass weder Zweithaar noch Tücher oder Mützen zum Einsatz kommen müssen. Die Streuung beruht auf der gewählten Kombination und Konzentration der krebszelltötenden Medikamente ( Zytostatika) sowie auf Unterschieden in der Dauer der Zytostatikagabe , des verwendeten Kühlsystems und der Nachkühlphase. Auch ethnische Unterschiede in Bezug auf die Haarstruktur, tragen zu dieser Streuung bei.

Unter standardisierten Bedingungen konnten in unserer Praxis von 102 Patientinnen mit einem Mammakarzinom, die eine (neo-)adjuvante Chemotherapie simultan mit Kopfhautkühlung erhielten, 67 Prozent auf einen Haarersatz verzichten. Beim Einsatz einer in Deutschland häufigen Kombination von Zytostatika bei Brustkrebspatientinnen, die aus einer alle drei Wochen erfolgenden anthrazyklin-haltigen Chemotherapie sowie einer wöchentlichen Gabe des Eiben-Chemotherapie-Wirkstoffes Paclitaxel besteht, konnten sogar 75 Prozent der Patientinnen auf eine Ersatz-Kopfbedeckung verzichten. Sie hatten keinen oder nicht sichtbaren, leichten Haarausfall. Dabei wurde festgestellt, dass der Erfolg des Haarerhaltes deutlich abhängig vom Menopausenstatus ist. Das heißt, Patientinnen, die sich in den Wechseljahren befinden, erleiden eher einen Haarverlust, als Patientinnen, die noch regelmäßig ihre Menstruation bekommen. Keine bedeutsame Abhängigkeit zeigte sich in Bezug auf die Haarlänge, die Haardichte oder die chemische und thermische Belastung des Haares (Schaffrin-Nabe et al, Effektivität von Scalpcooling zur Vermeidung von chemotherapieinduzierter Alopezie – Senologie – Zeitschrift für Mammadiagnostik und Therapie 2013; 10 – A127).

Nach fast vierjähriger Erfahrung mit der Kopfhautkühlung, die bei uns mit dem Dignicap-System erfolgte, hat sich dies als komplikationslose, wirksame Bereicherung der unterstützenden Maßnahmen im Rahmen der Chemotherapie zur Vermeidung von Haarverlust erwiesen. Und: Das Verfahren findet eine sehr hohe Akzeptanz bei den Patientinnen und Patienten.

Kurzvita und Kontakt

Dr. med. Dörthe Schaffrin-Nabe arbeitete von 2004 bis 2006 als Oberärztin in der Onkologie bei Prof. Dr. Voigtmann am Marienhospital in Herne. Seit 2005 bis 2007 koordinierte Dr. Schaffrin-Nabe die Systemtherapie am Brustzentrum Herne-Bochum, seit Januar 2007 ist sie in Kooperation mit Prof. Voigtmann als Hämatoonkologin auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum niedergelassen.

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